Hitze, Dürre, neue Krankheiten, steigende Kosten und sinkender Absatz: Der österreichische Weinbau steht nach Ansicht von Bio-Pionier Josef Umathum vor seiner bislang größten Krise. Sein Lösungsansatz beginnt direkt zwischen den Reben: Österreichs Weingärten sollen mit zehntausenden Bäumen und Sträuchern widerstandsfähiger gegen den Klimawandel werden.
„Es ist fünf vor zwölf, aber es ist noch nicht zu spät“, warnt der bekannte Winzer aus Frauenkirchen. Um für immer längere Trockenperioden und steigende Temperaturen gerüstet zu sein, brauche es jetzt gemeinsame und großflächige Maßnahmen. Einzelne Initiativen seien wertvoll, ihre volle Wirkung könnten sie jedoch erst entfalten, wenn ganze Weinbauregionen mitziehen. Die Lösung nennt sich Vitiforst und überträgt die Idee der Agroforstwirtschaft auf den Weinbau. Bäume und Sträucher wachsen dabei gemeinsam mit den Reben, spenden Schatten und verbessern das Mikroklima. Gleichzeitig fördern sie die Artenvielfalt und machen eine Landschaft widerstandsfähiger, die vielerorts von Monokultur geprägt ist.
Umathum arbeitet bereits seit den 1990er-Jahren mit dieser Methode. Was mit einzelnen Solitärbäumen begann, ist inzwischen auf mehr als 1.000 Bäume und Sträucher angewachsen. Besonders bewährt haben sich Feldahorn und Mirabelle sowie Stachelbeere, Holunder und Schneeball. Auch Schafe sind Teil dieses lebendigen Systems. Sie halten die Kräuter zwischen den Reben kurz und verteilen deren Samen auf natürliche Weise weiter. Dadurch entsteht Schritt für Schritt eine vielfältigere Begrünung. Im österreichischen Weinbau seien solche Maßnahmen bislang allerdings eine absolute Ausnahme und laut Umathum „nicht einmal im Promillebereich“ verbreitet.
Für den Bio-Winzer geht es nicht nur darum, Schatten zu schaffen. Reben sollen dazu gebracht werden, tiefere Wurzeln auszubilden und sich dadurch besser selbst mit Wasser zu versorgen. Anstatt Pflanzen dauerhaft „an den Tropf“ zu hängen, brauche es widerstandsfähige Weingärten, die mit längeren Trockenphasen umgehen können. Denn die extremen Wetterbedingungen sind für Umathum keine vorübergehende Erscheinung. Seit rund 20 Jahren beobachtet er immer längere Trockenperioden, zunehmende Hitze und starke Schwankungen bei den Niederschlägen: Entweder regnet es über lange Zeit kaum oder enorme Wassermengen fallen innerhalb kürzester Zeit. „Die Natur prügelt dich nieder, und du kannst dich nicht wehren“, beschreibt er die Lage drastisch. Gerade deshalb müsse die Branche jetzt handeln.
Umathums Appell richtet sich an alle Winzerinnen und Winzer des Landes. Je größer die zusammenhängenden Flächen seien, auf denen Bäume und Sträucher gepflanzt werden, desto stärker falle der kühlende Effekt aus. In einer wirtschaftlich schwierigen Phase, in der der Weinmarkt schrumpft und das Konkurrenzdenken wächst, sei daher neue Solidarität gefragt. Nicht einzelne Betriebe, sondern ganze Regionen müssten gemeinsam widerstandsfähiger werden.
Die Qualität des aktuellen Jahrgangs beurteilt Umathum trotz Hitze und Dürre positiv. Der geringere Ertrag habe den Reben geholfen, mit den belastenden Bedingungen zurechtzukommen. Die geernteten Beeren seien gesund und frei von Fäulnis gewesen. Seit Jahren experimentiert das Weingut außerdem mit rund zwölf pilzwiderstandsfähigen Rebsorten, kurz PiWi. Während diese im feuchten Vorjahr dem hohen Pilzdruck erfolgreich standhielten, erwies sich ihre frühere Reife in diesem heißen Jahr teilweise als Nachteil. Für Umathum zeigt das, wie wichtig Vielfalt bei der Anpassung an neue klimatische Bedingungen ist.
Josef Umathum führt das Weingut seit 1985. Bereits Ende der 1980er-Jahre stellte er auf biologische Bewirtschaftung um, zu einer Zeit, als Bio im österreichischen Weinbau noch vielfach belächelt wurde. Seit 2005 arbeitet der Betrieb biodynamisch. Seine Vision reicht über den eigenen Weingarten hinaus. Wein müsse wieder zu dem werden, was er ursprünglich war: ein Genussprodukt, das gemeinsam zum Essen getrunken wird, und kein austauschbares Massenprodukt. Die Grundlage dafür sei eine lebendige, gesunde Landschaft. Wer mit der Natur statt gegen sie arbeite, könne langfristig auch Kosten reduzieren. Eine größere Artenvielfalt könne den Krankheitsdruck senken, während weniger Maschineneinsatz Ressourcen schone.
Um möglichst viele Betriebe für neue Wege zu gewinnen, setzt Umathum auch auf Wissensvermittlung. Am 17. Oktober 2026 spricht der renommierte Mikrobiologe Michael Wagner von der Universität Wien im Weingut. Der Träger des Wittgenstein-Preises beleuchtet den Zusammenhang zwischen gesunder Landwirtschaft, hochwertigen Lebensmitteln und dem menschlichen Mikrobiom. Weitere Informationen dazu gibt es unter www.umathum.at.