Es war einer der meistbeachteten Momente der diesjährigen VieVinum: Das Wachauer Spitzenweingut F.X. Pichler präsentierte erstmals Rotweine. Nicht irgendwelche Rotweine, sondern einen „Wachauer Pinot Noir“ aus den Jahrgängen 2022, 2023 und 2024.
Für ein Weingut, das international vor allem für große Grüne Veltliner und Rieslinge steht, war diese Premiere weit mehr als eine Sortimentserweiterung. Sie war ein Statement - und das zeigte auch die Präsentation auf Österreichs internationaler Weinmesse, die restlos ausgebucht war. 80 Verkostungsplätze, Fachpublikum aus aller Welt und eine Atmosphäre, die spürbar machte: Hier entsteht gerade ein neues Kapitel in der Geschichte eines der renommiertesten Weingüter des Landes. Durch die 60-minütige Verkostung führte Weinjournalist und Burgunderkenner Willi Balanjuk.
Für Lucas Pichler selbst war der Moment sehr emotional. „Heute ist einer der drei wichtigsten und aufregendsten Momente meines Lebens, nach der Hochzeit mit meiner wundervollen Frau Johanna und der Geburt unseres Sohnes“, sagte der Winzer bei der Präsentation. Dass dieser Wein nicht aus einer spontanen Idee entstanden ist, wurde schnell klar. Seit mehr als zehn Jahren trug Pichler den Wunsch in sich, Pinot Noir zu machen. Über die Jahre wuchs die Leidenschaft für diese Rebsorte - auch durch viele Begegnungen mit großen Burgundern aus Frankreich, durch Verkostungen bei Weinfreunden und Sammlern sowie durch das gemeinsame Entdecken mit seiner Frau Johanna.
Die Inspiration dazu kommt klar aus der Côte de Nuits. Namen wie Chambolle-Musigny, Gevrey-Chambertin und Vosne-Romanée stehen für jene Finesse, Tiefe und Komplexität, an der sich Pichler orientiert. „Privat trinken Johanna und ich sehr oft Pinot Noir, ob aus Deutschland, Frankreich oder Übersee, und wir wollten uns beweisen, dass auch in der Wachau ein großartiger Pinot auf internationalem Niveau möglich ist“, so Lucas Pichler. Dass Pinot Noir ausgerechnet in der Wachau funktioniert, ist dabei kein Zufall. Die Region ist klimatisch ein Spannungsraum: Im breiten Donautal treffen kontinentale Kühle, pannonische Wärme, Luftbewegung, Terrassenlagen, Waldnähe und die Wirkung der Donau aufeinander. Gerade diese Mischung macht die Wachau für Pinot Noir interessant – aber auch anspruchsvoll. Routine ist hier kaum möglich. Jede Lage, jede Ausrichtung und jedes Jahr verlangt eine neue Entscheidung.
Der „Wachauer Pinot Noir“ stammt aus fünf unterschiedlichen Parzellen am linken Donauufer. Insgesamt umfasst die Fläche nur 0,55 Hektar. Gepflanzt sind ausschließlich kleinbeerige Pinot-Noir-Klone, selektioniert aus dem Burgund. Die Trauben kommen unter anderem aus den Rieden Loibner Rothenhof, Loibner Burgstall, Dürnsteiner Liebenberg, Loibner Mühlpoint und Weissenkirchner Seiberberg. Einige bestehende Weingärten wurden umveredelt, andere Flächen neu ausgepflanzt. Im Seiberberg kann Pichler auf Reben zurückgreifen, die bereits 2005 gepflanzt wurden. Für Pichler ist die Assemblage kein Kompromiss, sondern Konzept. Eine einzelne Lage könne Tiefe besitzen, mehrere Lagen aber Komplexität erzeugen. Ziel sei kein monolithischer Wein, sondern ein präzise komponiertes Ganzes. Gerade Pinot Noir reagiere extrem sensibel auf kleinste Unterschiede – und genau darin liege seine Faszination.
Auch in der Vinifikation geht Pichler bewusst eigene Wege. Die Trauben werden von Hand in kleinen Kisten geerntet und über Nacht auf rund sechs Grad Celsius gekühlt. Der untere Teil des Gärbehälters wird zu einem Drittel mit ganzen Trauben befüllt, darüber kommen gerebelte und optisch sortierte Beeren. Nach einer mehrtägigen Kaltmazeration setzt die spontane Gärung ein. Auf Remontage wird verzichtet, stattdessen arbeitet Pichler mit sanfter Pigeage – zunächst per Hand, kurz vor dem Abpressen auch mit den Füßen. Das soll mehr Textur, Struktur und Tiefe bringen, ohne die Frucht zu vordergründig werden zu lassen. Nach der Gärung reift der Wein rund neun Monate ohne Schwefel, überwiegend in neuen Barriques. Anschließend folgt nach dem biologischen Säureabbau die Assemblage im Stahltank, danach eine weitere Reifephase von 15 bis 18 Monaten im Holz. Insgesamt verbringt der Pinot Noir rund zwei Jahre im Fass, bevor er etwa sechs Monate vor der Füllung in den Stahltank kommt. Gefüllt wird im März, ohne Filtration. Lanciert wird der Wein zwei Jahre nach der Ernte.
Die ersten Jahrgänge 2022 und 2023 kommen im September 2026 in den Verkauf. Am Etikett wird der Wein als „Wachauer Pinot Noir“ ausgewiesen, da Pinot Noir im Wachauer DAC-Statut nur auf Gebietsweinebene zugelassen ist. Insgesamt werden nur rund 2.000 bis 2.200 Flaschen verfügbar sein, ergänzt durch wenige Magnumflaschen. Stilistisch zeigt sich der neue Pinot Noir von F.X. Pichler bewusst zurückhaltend. Er ist kein lauter, fruchtbetonter Rotwein, sondern karg, filigran und von Struktur getragen. Mit moderatem Alkohol von rund 12,5 Volumenprozent setzt er auf Eleganz, Spannung und Reifepotenzial. Die Frucht bleibt dezent, die Textur präzise, der Ausdruck eher burgundisch als plakativ.
Genau darin liegt die eigentliche Sensation: F.X. Pichler versucht nicht, einen Rotwein neben die großen Weißweine des Hauses zu stellen, sondern einen Wachauer Pinot Noir mit eigener Identität zu schaffen. Einen Wein, der die Herkunft ernst nimmt, die Burgund-Inspiration nicht versteckt und dennoch kein Abbild sein will. Mit diesem Projekt zeigt Lucas Pichler, dass die Wachau nicht nur für Riesling und Grünen Veltliner international Strahlkraft besitzt. Sie kann, wenn Lage, Präzision und Geduld zusammenkommen, auch Pinot Noir hervorbringen, der neugierig macht. Die VieVinum-Premiere war damit mehr als eine Verkostung. Sie war der Start eines Weines, über den man in den kommenden Jahren noch viel sprechen wird.